Orgelwerke

Stuttgart - Bad Cannstatt, Neuapost. Kirche

Orgelneubau | II/18 | 2014 | Opus 1003

Das alte Gebäude der neuapostolischen Kirche in Bad Cannstatt, an derselben Stelle 1916 erbaut, besaß ab 1934 eine Pfeifenorgel der Firma Steirer, Bietigheim. Dieses Instrument wurde immer wieder verändert und vergrößert. 1971 wurden elektrische Schleifladen mit einer völlig umgestalteten Disposition eingebaut, das ursprünglich spätromantische Klangbild wurde durch neobarocke Farben aufgehellt. 1987 wurde wieder ein Salicional und 1995 ein Schwellkasten eingebaut, die die Helligkeit ein wenig eindämmten. Vor dem Abriss der Kirche 2012 besaß das Instrument schließlich keinen homogenen Gesamtklang und keine klare Ausrichtung mehr, dafür aber 20 Register mit 2 Mixturen und 3 Zungen. Ein Großteil des Freipfeifenprospekts mit ehemals klingenden Pfeifen war stumm und nach mehrfachem Umbau nur noch Attrappe.

Der Neubau der Kirche ist deutlich kleiner als die alte Kirche, es ist ungefähr die Hälfte der Sitzplätze weggefallen. Im elliptischen Grundriss befindet sich zum einen Scheitel hin der Altarraum, ihm gegenüber auf der Empore am anderen Scheitel die Orgel. Als hinterer Abschluß der Empore wurde eine Art Konzertmuschel in schwarz eingebaut, die hellen Prospektpfeifen des Freipfeifenprospekts zeichnen sich deutlich davor ab. Gleichzeitig läßt der Prospekt durch nicht lineare und lose Pfeifenstellung den Blick in das Innere und in die Technik der Orgel zu, wodurch der Ansicht Tiefe gegeben wird.

In die Konzeption flossen einerseits der dringende Wunsch aus der Gemeinde, die verwertbaren Teile der alten Orgel weiterzuverwenden, als auch Überlegungen zur Orgellandschaft ein. In der Kirche Stuttgart-Süd befindet sich eine romantische, barockisierte Orgel der Firma Weigle von 1926, in Stuttgart-Ost wurde nach spätbarocken Dispositionsanklängen die Orgel auf 3 Manuale neu aufgebaut, in Ditzingen wurde eine italienisch-barocke Disposition realisiert, in Kornwestheim ist eine kleine französisch-romantische Orgel in Planung. Mit dem vorhandenen Pfeifenmaterial in Bad Cannstatt, das bis ins Jahr 1934 zurückreicht, schien daher eine deutsch-romantische Disposition mit vielen Klangfarben im Grundstimmenbereich im Vergleich mit den benachbarten Kirchen schlüssig. Die Stilistik wird ein wenig dadurch ergänzt, dass die vorhandenen drei Zungenstimmen integriert wurden, was nun auch z.B. französische Musik des 19. Jahrhunderts leichter darstellbar werden läßt, und dass die Mixtur des Hauptwerks auf 1 1/3' steht. Das Plenum erhält dadurch mehr Helligkeit, auch barocke Werke laßen sich so besser darstellen. Durch einen kleinen Kunstgriff wurde es auch möglich, Aliquotregistrierungen zu ermöglichen. Da die Mixtur ab c' einen Terzchor enthält, kann mit der Mixtur nun ein in die obere Quinte erweiterte Sesquialter, eine Art Hörnle, registriert werden. Zusammen mit der Octave 2 (und Grundstimmen 8' und 4') läßt sich ab c' ein helles Cornett spielen. Auf drei Manualen und Pedal stehen somit 19 Register zur Verfügung, alle Pfeifen mit Ausnahme der Prospektpfeifen in der vorderen Reihe sind gebrauchte Pfeifen, ebenso sind die Windladen von Haupt- und Schwellwerk der Vorgängerorgel entnommen.

Der Aufbau der Orgel ist schlicht, direkt über dem Spieltisch hinter dem mittleren Prospektbereich steht die chromatische Windlade des Hauptwerks, hinter dem Stimmgang folgt das ebenfalls chromatische Schwellwerk. Beide Windladen sind von 1971 und wurden mechanisiert, erweitert und gründlich renoviert. Das Pedal steht nach C und Cs geteilt links und rechts des Hauptwerks. Die Spielanlage ist mittig in den Unterbau eingeschoben. Das Hauptwerk wird vom II. Manual, das Schwellwerk vom III. Manual aus angespielt. Manual I ist ein Koppelmanual, das beide Werke vereinigt. Zusätzlich stehen für das Schwellwerk zwei Oktavkoppeln zur Verfügung, die das Schwellwerk dem Hauptwerk ebenbürtig machen und auch auf 16'-Basis stellen kann.

Die Registeranordnung links und rechts der Klaviaturen ist übersichtlich, logisch und gut zu bedienen. Alle gängigen Kombinationen können mit einem Griff gezogen werden. In der inneren senkrechten Reihe der Züge links stehen die Prinzipale und die für das Plenum wichtigen Register übereinander. In der äußeren Reihe stehen Gambe, Bourdon und Rohrflöte, damit immer zwei häufig gemeinsam zu ziehende Register übereinander liegen, zuunterst Trompete. Dasselbe Prinzip verfolgt auch die Anordnung der rechten Seite mit den Registern des obersten Manuals. Die Koppeln sind als Tritte zu bedienen.

Disposition

I. Koppelmanual C-g3

II. Hauptwerk C-g3

  1. Liebl. Gedeckt 16'
  2. Principal 8'
  3. Bourdon 8'
  4. Gambe 8'
  5. Octave 4'
  6. Rohrflöte 4'
  7. Octave 2'
  8. Mixtur 4-5f. 1 1/3'
  9. Trompete 8'

III. Schwellwerk C-g3

  1. Flötenprincipal 8'
  2. Flauto amabile 8'
  3. Salicional 8'
  4. Vox coelestis ab c0 8'
  5. Traversflöte 4'
  6. Oboe 8'
    Tremulant

Pedal C-f1

  1. Subbass 16'
  2. Octavbass 8'
    Gedecktbass 8' kombiniert mit Subbass 16'
  3. Posaune 16'

Koppel:
III 16', III 4', II/P, III/P
rein mechanische Spiel- und Registertraktur