Orgelwerke

Kahla, St. Margarethen

Neubau einer Chororgel mit zwei Stimmungssystemen | II/10

FERTIGSTELLUNG BIS ENDE 2020 GEPLANT

 

Die Kirche

Die ev. Stadtkirche zu Kahla (Thüringen) mit ihrem markanten Glockenturm wurde im 15. Jahrhundert auf den Ruinen eines abgebrannten romanischen Vorgängerbaus errichtet. Der einfache, quaderförmige Hauptraum bildet eine innen flach gedeckte Saalkirche, der ein erhöhter spätgotischer Polygonalchor mit großen Maßwerkfenstern und Rippengewölbe angegliedert ist. Bis 1955 fanden über die Jahre mehrere Änderungen am Bauwerk und Umgestaltungen des Kircheninterieurs statt, einschließlich der Beseitigung von Kriegsschäden. Zu den erhaltenen Renaissance- und Barockausstattungsstücken gehören u.a. die Kanzeln, sowie doppelstöckige, an den Seitenwänden weit Richtung Chor fortgeführte Emporen.

 

Die alte Orgel

Die bisherige Orgel auf der oberen Westempore stammte aus dem Jahr 1955. Hermann Lahmann (Leipzig) führte damals einen Um- und Wiederaufbau hinter einer schlicht konstruierten, neuen Prospektfront durch, unter Verwendung von Teilen der im Krieg beschädigten, 1796 von Johann Andreas Schulze aus Milbitz erbauten Vorgängerorgel. Nach einem weiteren Umbau 1965 durch die Firma Sauer (Frankfurt/O.) besaß die Orgel 29 Stimmen auf zwei Manualen und Pedal mit mechanischer Spieltraktur und pneumatisch angesteuerten Registern. Aufgrund zunehmender technischer Probleme, Ausfallerscheinungen, Verschleiß und einem Qualitätszustand, der keinen künstlerischen Ansprüchen mehr gerecht wurde, erschien eine Reparatur nicht mehr sinnvoll.

 

Das Projekt Johann-Walter-Orgel

Der Komponist und Kantor Johann Walter wurde in Kahla geboren, getauft und ist hier aufgewachsen. Er hatte Anteil an der von Martin Luther eingeleiteten Reform der Deutschen Messe und vertonte dessen deutsche Liedtexte. Die Entwicklung der evangelischen Kirchenmusik wurde u.a. durch seine Herausgabe des ersten evangelischen Gesangbuches und der Schaffung des Kantoreiwesens maßgeblich bestimmt, weshalb Walter als Urkantor der evangelischen Kirche gilt.

In Johann Walters Heimatstadt Kahla wird seiner kirchenmusikalischen Bedeutung mit dem Bau einer neuen Orgel, die seinem Namen gewidmet ist, ein gebührendes Denkmal gesetzt. Das Konzept besteht aus zwei getrennten Orgeln, einer beidseits des Mittelfensters platzierten Hauptorgel auf der oberen Westempore (HW/SW/Ped) und einer ebenerdig an der vorderen Nordwand aufgestellten Chororgel (Pos) mit doppeltem Stimmungssystem. Beide Instrumente können später separat oder sich gemeinsam ergänzend als eine Orgelanlage gespielt werden. Im ersten Bauabschnitt wird das Chorpositiv gefertigt, die Hauptorgel folgt in einer späteren Ausbaustufe. Weitere Informationen zu dem Projekt finden sich auf der Internetseite der Gemeinde.

 

Die Chororgel (Johann-Walter-Positiv)

Mit Johann Walter als Namensgeber lag es nahe, das Klangkonzept der Chororgel an seiner Wirkungszeit zu orientieren. Dementsprechend ist die Disposition als klassisches Positiv mit 10 Registern auf Prinzipal 8‘-Basis inklusive Subbaß 16‘ angelegt. Der besondere Reiz dabei liegt jedoch in der Einrichtung einer mitteltönigen Temperierung, damit sich die Musik der Renaissance authentisch darstellen lässt. Denn erst durch die Mitteltönigkeit und ihre charakteristischen Klangeigenarten kommt die Struktur und Aussage der vor 1700 komponierten Musik überzeugend zur Geltung. Gleichzeitig erfordert die Interpretation späterer Kompositionen und das gemeinsame Spiel mit den Teilwerken der Hauptorgel eine wohltemperierte Stimmung. Um beide Systeme in einem Werk zu vereinen, werden die Halbtöne (cs, ds, fs, gs, b) der Manualregister ab cs0 pro Ton mit zwei Pfeifen auf separaten Kanzellen besetzt und entsprechend unterschiedlich gestimmt. Eine mechanische Vorrichtung ermöglicht das Umschalten zwischen den Tonleiterkombinationen bzw. dem daraus resultierenden Stimmungssystem, wobei die gewählte Temperierung jeweils einen der doppelt besetzten Töne nutzt.

Das zweite Manual besitzt keine eigenen Register, sondern dient zusammen mit dem I. Manual zur elektrisch traktierten Ansteuerung der künftigen Hauptorgel auf der Westempore.

Die Prospektgestaltung basiert auf klassischen Konzepten mit 5-achsigem Aufbau und traditioneller Pfeifenabfolge, bei der sich drei größere Felder mit zwei Diskantpfeifenfeldern abwechseln. Der Oberteil ist mittels Flügeltüren vollständig verschließbar, im eingezogenen Unterbau befindet sich die integrierte Spielanlage. Der Entwurf beschränkt sich auf einfache, moderne Formen, greift mit den sich steil aufschwingenden Linien allerdings auch Elemente des gotischen Choranbaus auf, die ihm Lebendigkeit und Eleganz verleihen. Die Pfeifenfelder treten aus der Prospektfront plastisch leicht hervor und begünstigen die Ansicht aus seitlichen Blickwinkeln. Rot hinterlegte Flächen hinter den Pfeifen sowie goldene Labien und Zimbelstern setzen farbige Kontrastakzente zu dem weißlich gefassten Gehäuse.

Entwurfszeichnung
3-D-Konstruktion

Disposition

I. Werck C-a3

  1. Prinzipal 8‘ (Prospekt)
  2. Coppel 8’
  3. Octav 4’ *
  4. Rohrflet 4’ *
  5. Quinta 3’
  6. Superoctav 2’
  7. Tertia 1 3/5’
  8. Sifflet 1’
  9. Krummhorn 8’
    Tremulant

II. Manual C-a3

elektrisch mit Druckpunktsimulation
zur Ansteuerung der künftigen Hauptorgel
(Registerbedienung per Touch-Display)

Pedal C-f1

  1. Subbaß 16’

 

Koppeln im Positiv:
I-P (mechanisch), P-I (elektrisch)

Koppeln zwischen Positiv und Hauptorgel (vorbereitet, elektrisch):
HW-I, SW-I, HW-II, SW-II, Ped-Ped

Mechanisch umschaltbare Stimmung von „Janke III“ auf „Mitteltönig aus Temperatur Janke III“

Zimbelstern mit 6 Schalenglocken

MIDI-Anschluss

* Register mit Pfeifen der Vorgänger-Orgeln